Die Spukschlosswächter

Gut Hohehorst soll verkauft werden. Bis dahin wird das verlassene Schloss von 30 Wächtern gehütet. Über eine WG mit Gruselfaktor.

Die Spukschlosswächter

Gut Hohehorst soll verkauft werden. Bis dahin wird das verlassene Schloss von 30 Wächtern gehütet. Über eine WG mit Gruselfaktor.

Es ist der erste Tag in der Berufsschule. Die angehenden Automobilkaufleute stellen sich vor: Wie sie heißen, wo sie ihre Ausbildung machen - jede Aussage erwartbar, bald hört kaum noch jemand zu. Bis die zierliche Blondine mit dem Energy Drink in der Literdose vor sich auf dem Tisch an der Reihe ist: „Ich heiße Lara Müller und wohne im Schloss", sagt sie. „Wow, das will ich auch", schießt es ihrer Klassenkameradin Lara Fischer sofort in den Kopf, Einen Monat später wohnt sie auch im Schloss - zusammen mit noch zwei Klassenkameraden und 26 anderen Mitbewohnern. In einem Schloss mit verwitterten Sandsteinskulpturen auf der Terrasse und einer schweren Haustür, die ächzt, wenn man sie öffnet und neben der ein Putzplan hängt. In einem Schloss, das man durch eine imposante Eingangshalle betritt, von der sich schweres Treppengeländer aus dunklem Holz in den ersten Stock windet und in der sonst nur ein paar Gartenstühle aus Plastik stehen. Mit einem riesigen Kamin, der den herbstkalten Raum wunderbar erwärmen könnte - wenn man darin ein Feuer anzünden dürfte, Stattdessen hängt über dem Sims ein grünweißes Plakat, auf dem die Bedingungen dafür aufgelistet sind, dass sich Lara und ihre Mitbewohner als Schlossbewohner auf Zeit fühlen können: Sie dürfen keine Partys feiern zum Beispiel, und Rauchen ist ebenso wenig erlaubt wie Kinder. Denn strenggenommen sind Lara und die anderen auch keine Schlossbewohner, sondern Hauswächter.

Sie sind auf Gut Hohehorst im Norden von Bremen eingezogen, damit das Haus nicht leersteht. Damit das denkmalgeschützte Gebäude nicht verwüstet wird und keine Buntmetalldiebe die schweren Bronzegitter von den Fenstern abschrauben, wie es in der Vergangenheit schon geschehen ist. Seitdem die Drogenhilfe vor etwas mehr als einem Jahr ausgezogen ist, sucht der Eigentümer, das Land Bremen, einen Käufer für die Liegenschaft. Bis dieser gefunden ist, wachen die beiden Laras und die anderen über 5000 Quadratmeter Innenraum vom Keller bis in den Dachstuhl, umgeben von einem 19,3 Hektar großen Waldgrundstück, samt Nebengebäuden, künstlicher Grotte und einem Badeteich, der mittlerweile jedoch ziemlich verwildert ist - wie auch der Rest des Grundstücks. Es ist ein gemischter Haufen, der sich im Schloss gefunden hat: Viele Studenten und Auszubildende in den Zwanzigern, aber auch Gerd, ein Pendler von Anfang 50, der nur hin und wieder im Schloss schläft. Jeder von ihnen zahlt 188 Euro im Monat an die Hauswächter-Agentur Camelot - eine Verwaltungsgebühr, keine Miete, wie Karsten Linde, Regionalmanager von Camelot, nicht müde wird zu betonen. Auch auf einen Mietvertrag können sich die Hauswächter nicht berufen, nur auf einen sogenannten Gebrauchsüberlassungsvertrag, der für beide Seiten nur einen Monat Kündigungsfrist beinhaltet. „Keiner unserer 10 000 Hauswächter in ganz Europa weiß sicher, wo sein Bett in einem Monat steht", sagt Linde. Das Konzept von Camelot stammt aus den Niederlanden, dort hat das Unternehmen auch seinen Ursprung. Seit 2010 gibt es die professionellen Leerstandswächter auch in Deutschland. Bis dahin hatten sich vor allem private Vereine um verlassene Gebäude gekümmert und sie vor dem Verfall bewahrt, zum Beispiel der Verein Haushalten in Leipzig oder die Zwischen Zeit Zentrale in Bremen, die mit öffentlichen Mitteln unterstützt wird.

Camelot hat aus der Tatsache ein Geschäft gemacht, dass Leerstand einem Gebäude schadet: Wenn nicht geheizt und nicht gelüftet wird, entsteht Schimmel, die Bausubstanz verfällt. Außerdem drohen unbewohnten Häusern Vandalismus und Zerstörung. Die Agentur sucht geeignete Übergangsbewohner für den Eigentümer aus und überwacht, dass sie die Regeln befolgen - unangekündigte Kontrollen inklusive. Dafür können die Hauswächter günstig und häufig auch spektakulär wohnen -im Schloss bei Bremen, im ehemaligen Finanzamt in Münster oder in einem Restaurant in Bonn. Der Eigentümer spart Wachdienst und Kamera-Überwachung und zahlt dafür Camelot eine Gebühr sowie die Betriebskosten des Gebäudes.

„Für mich ist es die günstigste Variante, im Schloss zu wohnen", sagt Lara Fischer. Eigentlich hatte sie nach einer Wohngemeinschaft in Bremen gesucht, als sie mit ihrer Ausbildung begann. Doch dann kam ihre Klassenkameradin mit der Schlossgeschichte, die sie auf Anhieb viel besser fand. Nur zwei Wochen und ein Bewerbungsgespräch bei Camelot später wohnt sie selbst im ersten Stock auf „dem Mädchenflur". Wo der Bremer Großindustrielle Georg Carl Lahusen, der das Gebäude 1929 als Sommerresidenz erbauen ließ, seine Gäste beherbergte, hat Lara jetzt ihr Mädchenzimmer bezogen: Vor dem Fenster, das den Blick auf eine weite Rasenfläche freigibt, flattert eine geblümte Gardine, auf dem Nachttisch hat sie Bilder und Kerzenständer dekoriert. Den Hängeschrank an der Wand anzubringen war jedoch eine Herausforderung. „Da ich keine neuen Löcher bohren durfte, musste ich mit den vorhandenen auskommen. Das war gar nicht so einfach", sagt sie.

Auf Gut Hohehorst hat Lara das erste Zuhause fern ihres Elternhauses im niedersächsischen Zeven gefunden. Und man merkt, dass die Geborgenheit in der großen Gruppe fier sie mindestens genauso wichtig ist wie die niedrigen Wohnkosten und der Glamourfaktor ihrer neuen Unterkunft. „Es ist immer jemand da, wenn man sich alleine fühlt", sagt sie und strahlt.

Dann treffen sich die Hauswächter im Keller, wo sie einen Billardraum eingerichtet haben, oder auf der Terrasse zum Rauchen. Wie in einer großen WG eben - nur in dem Wissen, dass das Zusammenleben jederzeit vorbei sein kann, wenn der Eigentümer wechselt und damit der Leerstand, der eigentlich gar keiner mehr ist, endet. „Das ist mindestens einmal in der Woche Thema bei uns", sagt Lara.
Neulich haben die Mitbewohner fünf Kilo Nudeln gekocht und sie zusammen auf den Plastikstühlen in der Eingangshalle gegessen. Sie haben einen Putzplan aufgestellt und darüber geredet, dass es schön wäre, auch dann weiter zusammenzuwohnen, wenn die Zeit im Schloss vorbei ist. Angeregt hatte das Treffen Timo Schröder, den sie im Schloss alle nur „unseren Bürgermeister" nennen. Er war der erste Hauswächter auf Gut Hohehorst und vertritt Camelot jetzt als „Head Guardian", wie es etwas hochtrabend heißt, was ihm aber einen reservierten Parkplatz direkt vor dem Eingang sichert. Dabei wäre Timo Schröder fast nicht eingezogen. „Nachdem ich den Schlüssel bekommen hatte, bin ich eine Woche jeden Abend hier vorbeigefahren. Die ersten Tage habe ich mich noch nicht einmal getraut, aus dem Auto zu steigen, geschweige denn das Haus zu betreten", sagt Schröder. Kein Wunder: Wer die etwa 400 Meter von der Hauptstraße über die Schotterpiste durch den verwilderten Park zurückgelegt hat, erblickt ein Gebäude, das eher an ein Spuk- als an ein Märchenschloss erinnert. Zwischen den Bodenplatten am Eingang sprießt Unkraut, die Fensterläden sind verwittert. Im Dach wohnen Fledermäuse, die sich auch schon mal in die unteren Geschosse verirren. Vor ein paar Jahren wurde in dem Gebäude ein Horror-Kurzfilm gedreht.

Dabei ist es nicht nur der verwahrloste Zustand des Hauses, der die Phantasie der Bewohner anregt, sondern auch seine Geschichte. 1929 wurde Gut Hohehorst von dem Bremer Textilfabrikanten Georg Carl Lahusen als repräsentative Sommerresidenz erbaut. Lahusen sparte an nichts: Die Bäder waren aus Marmor, auf den Fluren lagen edle Hölzer, und es wurde nur modernste Technik eingebaut. Noch heute erinnern Fotos, die im Haus neben den entsprechenden Zimmern hängen, daran, wie prunkvoll die Räume einmal ausgestattet waren. Doch die Familie konnte den Luxus nicht lange genießen: 1931 musste Lahusen Insolvenz anmelden und kam wegen Bilanzfälschung in Gefängnis. Das Gebäude fiel ans Land Bremen, die Einrichtung wurde versteigert. Heute zeugen nur noch die Eingangshalle und das Damenzimmer mit seiner kunstvollen Stuckverzierung von der Vergangenheit als Familiensitz einer der reichsten Familien der damaligen Zeit. Die besondere Geschichte des Hauses nährt Legenden. So sollen sich unter den schnöden Kacheln in den Bädern noch die alten Marmorplatten befinden, erzählen die Schlosswächter. Ob es stimmt – ein Rätsel. Ebenso wie der kleine Raum im Dachgeschoss, der vollkommen mit Bleiplatten verkleidet ist. Timo Schröder glaubt, dass sich hier im Zweiten Weltkrieg ein Raum für Funker befand, schließlich gehörte das Haus in dieser Zeit der SS. Sie hatte auf Gut Hohehorst ein sogenanntes Lebensborn-Heim eingerichtet. Im „Heim Friesland" konnten meist ledige Mütter, sofern sie einen „Ariernachweis" erbrachten und politisch auf Linie waren, ihre Kinder in Abgeschiedenheit zur Welt bringen. Um diese zu gewährleisten, hatte Hohehorst sogar ein eigenes Standesamt. Einige der Kinder, die hier geboren wurden, kamen zu Pflegeeltern oder wurden zur Adoption freigegeben. Noch heute kommen hin und wieder ehemalige Lebensborn-Kinder nach Hohehorst, um sich mit ihrer Herkunft zu versöhnen. „Gerade neulich stand wieder eine Omi vor der Tür, die gucken wollte, wo sie geboren wurde", sagt Timo Schröder. Nach dem Krieg waren amerikanische Offiziere in Hohehorst einquartiert, danach war es Krankenhaus, ab 1991 Drogen-Entzugsklinik.

Die besondere Historie macht es für den Besitzer nicht einfacher, einen Käufer für Gut Hohehorst zu finden. „Die Liegenschaft hat Bremen nicht viel Freude gemacht", sagt Peter Schulz von Immobilien Bremen, dem Unternehmen, das Hohehorst im Auftrag des Landes verwaltet. Der Renovierungsbedarf ist riesig. Die Kanalisation ist nur für 32 Personen genehmigt, für eine Nutzung als Hotel oder Wohnanlage müsste sie deutlich ausgebaut werden. Zudem schrecken die hohen Auflagen des Denkmalschutzes Interessenten ab, denn nicht nur das Gebäude steht wegen seiner „besonderen Errichtungsgeschichte" unter Schutz, sondern auch Teile des Parks, was Neubau erschwert.

Die Hauswächter sind über jedes einzelne dieser Hindernisse froh - vor allem die beiden Laras. Denn nun stellen sie sich beide gerne mit dem Satz „Ich heiße Lara und wohne im Schloss" vor.

 

 

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