Der Vandalen-Schreck

Morgens wird Ludger Kusenberg von der Schulklingel geweckt. Die Morgentoilette beginnt mit Frühsport – tief gebückt steht der Duisburger vor dem niedrigen Waschbecken. "Klasse 4a" steht auf einem Schild draußen an der Tür.

Der Vandalen-Schreck

Bewachen durch Bewohnen als Lösung gegen Leerstand

Morgens wird Ludger Kusenberg von der Schulklingel geweckt. Die Morgentoilette beginnt mit Frühsport – tief gebückt steht der Duisburger vor dem niedrigen Waschbecken. "Klasse 4a" steht auf einem Schild draußen an der Tür. Dahinter verbirgt sich eine Wohnung, die an ein Loft erinnert: hohe Decken, riesige Fenster, ein langer Esstisch. Im Bad liegt noch der Mief der Schultoilette in der Luft. Ludger Kusenberg ist gerade erst eingezogen. Als Hauswächter soll er im Auftrag des Unternehmens Camelot für die Stadt Duisburg das Schulgebäude bewachen, das seit den Sommerferien leer steht. Gerade mal 184 Euro zahlt der Kabarettist für rund 65 Quadratmeter in bester Innenstadtlage.

Das Konzept des Hauswächter-Unternehmens Camelot ist so simpel wie effektiv: Die Firma vermittelt den Besitzern von leer stehenden Immobilien Bewohner, die durch ihre reine Anwesenheit Vandalismus und Diebstähle verhindern sollen. Das Gebäude kann eine alte Polizeistation sein, ein verlassenes Finanzamt oder gar ein herrschaftliches Schloss. Im Gegenzug für den günstigen Mietpreis geben sich die Hauswächter mit dem zufrieden, was da ist. In Ludger Kusenbergs Fall heißt das: kein Telefon, kein TV, keine Klingel. Seine Nachbarn sind zwei weitere Hauswächter, die in den alten Klassenzimmern der 4b und 4c wohnen – und jede Menge Schüler. Denn der vordere Gebäudetrakt wird noch genutzt. Ab Nachmittag jedoch herrscht gespenstische Ruhe.

Ludger Kusenberg ist kein typischer Hauswächter. In der Regel bewachen Studenten die leer stehenden Gebäude, die Klientel sei meist zwischen 25 und 35 Jahre alt, sagt Karsten Linde vom Düsseldorfer Camelot-Büro. Kusenberg ist schon in seinen Vierzigern und eher der Typ "freischaffender Künstler".

Der Flur erinnert mit den weiß-blau und gelb gestrichenen Holzverkleidungen der Einbauschränke ein wenig an ein Schwimmbad, im Foyer haben die Kinder Grashalme und Insekten auf die Wände gemalt. Der kleine Teppich auf den kalten Fliesen kann nicht verhindern, dass Karsten Lindes Stimme laut durch den leeren Raum hallt. Der Camelot-Mann gehört zu Ludger Kusenbergs Leben dazu. Die Mitarbeiter der Firma dürfen unangekündigt zu Kontrollbesuchen vorbeischauen und sein Klassenzimmer betreten, wenn er nicht zu Hause ist. "Der Begriff Mieter ist hier völlig fehl am Platz, weil sonst das Mietrecht greifen würde", erklärt Linde. Die Regeln sind streng: Hauswächter dürfen weder rauchen noch Partys feiern, sie müssen an fünf von sieben Tagen zu Hause sein und eigentlich bei jedem Nagel, den sie in die Wand schlagen wollen, um Erlaubnis bitten. Nur den Helden spielen müssen sie nicht. "Unsere Erwartung ist, dass die Hauswächter aufmerksam sind, wenn zum Beispiel jemand mit einem Stein herumlungert. Dass sie Schäden mitteilen und Ordnung halten. Niemand muss sich selbst in Gefahr begeben", sagt Linde. "Der Charme des Konzeptes besteht darin, dass wir ein Viertel belebt halten."

Nicht jeder kann Hauswächter werden. Ausgeschlossen sind Minderjährige, Familien, Vorbestrafte sowie in der Regel Haustierbesitzer und Arbeitslose. Zusätzlich zum Nachweis einer Haftpflicht- und Krankenversicherung verlangt das Unternehmen eine Schufa-Auskunft und führt mit dem Bewerber ein persönliches Interview.

Etwa 50 Projekte betreut Camelot in Deutschland. Auch in Düsseldorf, Essen und Bochum nehmen die Hauswächter zu. "Für die Eigentümer geht es dabei um den Gebäudezustand und den Aufwand, wenn etwas passiert", sagt Linde. "Ein genutztes Gebäude weist weniger Schäden auf als ein leer stehendes."

Seit 2010 agiert das niederländische Unternehmen in Deutschland, zunächst nur mit Objekten in Weeze und in Hagen. Auch nach Belgien, England, Irland und Frankreich haben die Holländer mit inzwischen europaweit rund 10.000 Hauswächtern ihre Idee exportiert, die auf einer niederländischen Besonderheit beruht: "In Holland war Hausbesetzung keine Straftat. Deshalb dauerte es oft bis zu zwei Jahren, bis Eigentümer Hausbesetzer, die sogar Mieterschutz genossen, wieder aus ihren Gebäuden herausbekommen haben", sagt Linde.

Die Räumung der Klasse 4a wird dagegen deutlich schneller gehen. Lediglich vier Wochen beträgt die Kündigungsfrist für Ludger Kusenberg. Doch zum Glück bekommt der Duisburger regelmäßig neue Hauswächter-Angebote per E-Mail.

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