Münstersche Zeitung: Münzwurf ums Chefzimmer - Hauswächter im Finanzamt

MÜNSTER. Passender hätte Birte Kausler sich ihren neuen Wohnraum an der Münzstraße wohl kaum erarbeiten können: Mit einem Münzwurf setzte sie sich gegen einen anderen Interessenten durch und bekam so den Zuschlag fürs Amtsvorsteherzimmer im altehrwürdigen Finanzamt Innenstadt.

Münzwurf ums Chefzimmer - Hauswächter im Finanzamt

Hauswächter beleben derzeit das altehrwürdige Finanzamt Innenstadt

MÜNSTER. Passender hätte Birte Kausler sich ihren neuen Wohnraum an der Münzstraße wohl kaum erarbeiten können: Mit einem Münzwurf setzte sie sich gegen einen anderen Interessenten durch und bekam so den Zuschlag fürs Amtsvorsteherzimmer im altehrwürdigen Finanzamt Innenstadt.

Franz-Josef Brinkhaus, über dessen Tisch hier bis zum Dezember noch jede Menge Akten gingen, dürfte sich heuer doch sehr über den Zustand seines früheren Zimmers wundern. Rosengirlanden an den Schränken, pinke Bettwäsche neben silbernen Glitzerschuhen und Gomez-Poster an der Wand — das sieht so gar nicht nach Amtsschimmel aus. Eher nach „Abenteuer", wie Birte Kausler sagt. Die 20-jährige Lehramtsstudentin kommt aus Ahaus und war bislang eher vergeblich auf Wohnungssuche in Münster. Bis sie die Anzeige von Camelot entdeckte. 

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Holland rekrutierte im Auftrag des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW (BLB) so genannte Hauswächter fürs leer stehende Finanzamt (wir berichteten). Also „Mitarbeiter“, die gegen eine Gebühr dort wohnen dürfen und sollen. „Der Auftraggeber denkt halt über geeignete Sicherungssysteme nach", sagt Karsten Linde von Camelot. Und genau die biete man ihm. „Grundsätzliches Ziel ist es, das Gebäude vor Einbrüchen und Vandalismus zu schützen." 

Gegen Vandalismus 
Das machen die bald 18 Bewohner zwar nicht aktiv durch bewaffnete Patrouillerund ums Finanzamt, aber doch passiv via Licht und Leben im Haus. Das ist offenbar auch nötig. Denn schon nach kurzer Zeit des Leerstands waren die ersten Scheiben eingeschlagen. Seit die Hauswächter aber das Regiment übernommen haben, ist’s ruhig. Zumindest rundum.

Laute Musik schallt durch die Gänge. Die meisten Türen sind geöffnet, einladend wirkt das aber nicht unbedingt. Kein Problem für Birte. Und das nicht nur, weil sie das wohl beste Zimmer des Hauses gewonnen hat. Parkettboden, Blick auf Dom und Budden türm, Waschbecken inklusive: So viel Luxus hat es sicher nicht überall. Und das für schlappe 184 Euro im Monat. Die Toiletten finden sich auf dem Flur, Duschen ebenso. Auf ihrem Gang im zweiten Obergeschoss leben noch vier Männer. Weil hier aber alles recht weitläufig ist, Birte zudem ihre eigene Toilette im Flur, hat, kommt ein WG-Gefühl hier nicht so recht auf. Vielleicht ja im nächsten Monat, wenn sie hier mit endgültig 18 Wächtern leben können und einen offiziellen Putzplan dazu bekommen. Zumindest, bis der BLB einen Käufer gefunden hat. 

Bis dahin machen sie es sich einfach nett. Ohne Fahrstuhl zwar, ohne W-LAN, (noch) ohne Tischkicker — und mit Heißwasser etagenweise. Die Geräte in der Großküche zuoberst wurden deinstalliert. Dafür dürfen die Wächter Wasserkocher und Kühlschränke in ihren Zimmern aufstellen. Private Waschmaschinen werden gemeinschaftlich genutzt, ein Herd ja vielleicht auch schon bald. 

Trennung oder Abenteuer 
Die Hüter des Finanzamtes sind zwischen 19 und 40 Jahren alt, die meisten sind Studenten, aber auch Angestellte und Selbstständige darunter. Frauen und Männer, die Geld sparen wollen. Für einen langen Urlaub, für ein Auto - oder weil sie mehr schlicht nicht haben. Vielleicht auch wegen einer Trennung. Oder eben wegen des puren Abenteuers. 

Was auch immer der Grund für die Interimsheimat Finanzamt ist: Das Konzept geht für alle Seiten auf. Camelot, BLB - und die Wächter Hause. Und wenn sie jetzt noch einen eigenen Briefkasten am Haus bekommen könnten...